Kapitel 2 - Jaffa - Flucht ins Ungewisse

Die Sonne stand bereits tief, als Jonah die ersten Dächer von Jaffa erblickte. Seine Füße brannten, der Staub klebte an seiner schweißnassen Haut, und der schwere Reisesack zerrte an seiner Schulter. Einen ganzen Tag war er gewandert, dem Ruf der Möwen gefolgt.

Aber nichts hätte ihn auf das vorbereiten können, was ihn nun empfing.

Der Lärm traf ihn wie eine Welle. Händlergeschrei, quietschende Räder, brüllende Kamele, Stimmen in Dutzenden von Sprachen. Jonah starrte auf die Hauptstraße, die sich vor ihm auftat wie ein reißender Strom aus Menschen, Tieren und Karren.

Bei allen Sternen Abrahams, dachte er und schluckte schwer. Was ist das für ein Ort?

Ein Kamel mit Gewürzsäcken schob sich vorbei. Der Treiber rief ihm etwas auf Aramäisch zu – unverständlich, aber ungeduldig. Hastig trat Jonah zur Seite.

Menschen, wie er sie nie gesehen hatte: Ägypter in weißen Gewändern, Phönizier mit geflochtenen Bärten, verschleierte Frauen, Kinder, die zwischen den Erwachsenen umherliefen wie Fische in einem Teich.

Jonah drückte seinen Reisesack fester an sich. In Gat-Hefer kannte er jeden beim Namen. Hier war er niemand – unsichtbar, wie er es wollte. Trotzdem verkrampfte sich sein Magen.

Der Gestank war überwältigend: Schweiß, Tierdung, fremde Gewürze und darunter etwas Salziges – das Meer.

"Entschuldigung", wagte er auf Hebräisch und sprach einen Mann an, der neben einem Karren mit Tonkrügen stand. "Könnten Sie mir sagen—"

Der Mann sah ihn verwirrt an und schüttelte den Kopf. Er antwortete in einer Sprache, die wie Wasser über Kiesel klang – Kanaanitisch vielleicht? Jonah erkannte nur das Wort "lo", nein.

Verzweiflung stieg in ihm auf. Wie sollte er hier ein Schiff finden, wenn er sich nicht einmal verständigen konnte?

Ein Junge, nicht älter als Amittai, beobachtete ihn von einem Hauseingang aus. Seine Kleidung war einfach, aber seine Augen wirkten klug. Als er Jonahs hilflosen Blick bemerkte, löste er sich von der Wand und trat näher.

"Du suchst etwas?" fragte er in gebrochenem Hebräisch, jeden Laut sorgfältig formend.

Jonah hätte vor Erleichterung weinen können. "Ja! Den Hafen. Ich... ich suche den Hafen."

Der Junge nickte und deutete die Straße hinunter, dann machte er eine Handbewegung nach links. "Dort. Geradeaus, dann links. Riechst du das Salz?"

Jonah nickte dankbar. "Danke. Wie heißt du?"

"Kenan", antwortete der Junge mit einem schiefen Lächeln. "Du bist weit von zu Hause weg, oder?"

Weiter, als du dir vorstellen kannst, dachte Jonah. "Ja", sagte er nur.

"Pass auf die Schleuser auf", warnte Kenan. "Sie riechen Fremde wie Geier das Aas." Dann huschte er zurück in den Hauseingang und verschwand im Schatten, als wäre er nie da gewesen.

Jonah schultertete seinen Sack und folgte der Richtung, die der Junge ihm gewiesen hatte. Mit jedem Schritt wurde der salzige Geruch stärker, und unter dem Lärm der Stadt meinte er ein neues Geräusch zu hören – das rhythmische Klatschen von Wellen gegen Stein.

Die Straße führte abwärts, und die Häuser zu beiden Seiten veränderten sich. Weniger prächtig, aber geschäftiger. Schilder in fremden Schriftzeichen hingen über Türen, und aus offenen Fenstern drangen Stimmen und Lachen.

Und dann lag es vor ihm: das Meer. Endlos und dunkelblau, bewegte es sich wie etwas Lebendiges. Jonah hatte von den großen Wassern in Liedern gehört, aber das hier übertraf seine Vorstellung.

Wenn ich nur weit genug gehe, dachte er und spürte zum ersten Mal seit der Berufung so etwas wie Hoffnung. Vielleicht vergisst Er mich dann.

Der Hafen breitete sich vor ihm aus wie ein eigenes kleines Königreich. Schiffe in allen Größen dümpelten an den Anlegestellen, ihre Masten ragten wie ein kahler Wald in den Himmel. Das größte war so lang wie zehn Häuser und hatte ein riesiges viereckiges Segel, das im Wind flatterte. Das kleinste wirkte kaum größer als die Boote auf dem See Genezareth.

Männer liefen zwischen den Schiffen hin und her, trugen Säcke und Krüge, riefen einander zu. Ihre Haut war von der Sonne gegerbt, ihre Kleidung praktisch und abgenutzt. Seeleute. Menschen, die ihr Leben auf dem Wasser verbrachten, weit weg von allem, was Jonah kannte.

Er atmete tief ein. Die Luft schmeckte nach Salz und Abenteuer und nach etwas anderem – nach Freiheit vielleicht. Oder nach Flucht.

Zum ersten Mal seit Gottes Stimme ihn in seinem Olivenhain erschüttert hatte, fühlte sich Jonah nicht mehr völlig verloren. Hier würde er ein Schiff finden. Hier würde seine Reise in die Vergessenheit beginnen.

Er schultertete seinen Sack fester und machte sich auf den Weg hinunter zu den Anlegestellen, wo sein neues Leben wartete.


Der Hafen war eine Welt für sich.

Jonah wanderte zwischen den Anlegestellen umher wie ein Mann in einem Traum. Überall ragten Masten in den Himmel – manche schlank wie Zedern, andere dick wie Eichen. Die Schiffe selbst waren so verschieden wie die Menschen, die auf ihnen arbeiteten. Ein ägyptisches Handelsschiff mit einem einzelnen großen Segel lag neben einem phönizischen Kriegsschiff, dessen Bug wie der Kopf einer Meeresschlange geschnitzt war.

Das Wasser klatschte gegen die Steinmauern des Hafens in einem endlosen Rhythmus, der ihm seltsam vertraut vorkam – wie das Klopfen eines riesigen Herzens. Möwen kreischten über seinem Kopf und stürzten sich auf Fischreste, die zwischen den Planken der Anlegestellen hindurchfielen.

Am nächsten Schiff kletterte ein Seemann das Tauwerk hinauf, so flink wie eine Katze. Seine Haut war von der Sonne dunkel gegerbt, und um seinen Hals hing ein kleines Amulett aus poliertem Stein. Als er oben angekommen war, berührte er es kurz mit der Hand und murmelte etwas – ein Gebet vielleicht, aber zu welchem Gott?

Jonah wandte schnell den Blick ab. Heide, dachte er und spürte ein vertrautes Unbehagen. In Gat-Hefer wäre so etwas undenkbar gewesen. Dort betete man zu dem Gott Abrahams, Isaaks und Jakobs – und zu keinem anderen.

Aber hier schien alles anders zu sein.

Drei Seeleute saßen auf einer umgedrehten Kiste und würfelten. Ihre Stimmen klangen rau vom Salzwasser, und sie lachten über etwas, das Jonah nicht verstand. Einer von ihnen trug einen Ring durch das Ohr, wie Jonah es noch nie gesehen hatte. Ein anderer hatte sich seltsame Zeichen in die Haut geritzt – Linien und Punkte, die über seinen Unterarm liefen wie eine geheime Schrift.

Was für Menschen sind das?, fragte er sich. Menschen, die ihr Leben auf dem Wasser verbrachten, weit weg von Tempeln und Priestern. Menschen, die andere Gesetze kannten als die des Mose.

Er beobachtete, wie ein Kapitän seine Mannschaft anwies. Der Mann war klein und drahtig, aber seine Stimme hatte eine Autorität, die keinen Widerspruch duldete. Die Seeleute gehorchten ohne Murren, bewegten sich mit einer Präzision, die Jonah an gut eingespielte Hirten erinnerte. Nur dass diese Männer keine Schafe hüteten, sondern Segel und Ruder.

Ein Schiff bereitete sich gerade zum Auslaufen vor. Jonah sah zu, wie die Mannschaft die Leinen löste und das große viereckige Segel hisste. Der Wind blähte es auf, und das Schiff glitt fast lautlos vom Kai weg aufs offene Meer hinaus. In wenigen Augenblicken war es nur noch ein weißer Punkt am Horizont.

So einfach, dachte er staunend. So einfach kann man verschwinden.

Ein Mann in einem zerfetzten Mantel näherte sich ihm mit einem öligen Lächeln. "Du suchst Passage, Fremder?" fragte er auf Kanaanitisch, dann versuchte er es mit ein paar Brocken Hebräisch. "Schiff? Du willst Schiff?"

Jonah wich einen Schritt zurück. Die Warnung des Jungen hallte in seinem Kopf nach: Pass auf die Schleuser auf. Sie riechen Fremde wie Geier das Aas.

"Nein", sagte er hastig. "Nicht jetzt."

Der Mann zuckte mit den Schultern und wandte sich ab, bereits auf der Suche nach seinem nächsten Opfer.

Jonah atmete tief ein. Die Luft hier schmeckte anders als alles, was er kannte – scharf und salzig, mit einem Hauch von Tang und fernen Ländern. Er schloss die Augen und lauschte den Geräuschen um ihn herum: dem Plätschern des Wassers, den Rufen der Seeleute, dem Quietschen der Taue und dem fernen Schrei einer Möwe.

Zum ersten Mal seit seiner Flucht aus Gat-Hefer spürte er etwas, das beinahe wie Frieden war. Hier war er wirklich niemand. Hier kannte ihn keiner, hier erwartete niemand etwas von ihm. Keine göttlichen Stimmen, keine unmöglichen Aufträge.

Aber gleichzeitig nagte etwas an ihm. Die fremden Götter, die seltsamen Rituale – war er dabei, sich weiter von seinem Glauben zu entfernen? Und wenn ja, war das nicht genau das, was er wollte?

Ein Taubenschlag kreischte in der Nähe, und Jonah öffnete die Augen. Die Sonne stand inzwischen tief am Himmel, und die Schatten der Schiffe wurden länger. Er brauchte eine Unterkunft für die Nacht.

Er schultertete seinen Reisesack und machte sich auf den Weg zu den Häusern, die sich hinter dem Hafenviertel auftürmten. Irgendwo dort würde er eine Herberge finden. Und morgen, bei Tageslicht, würde er ein Schiff suchen. Ein Schiff, das ihn weit weg bringen würde von allem, was er bisher gekannt hatte.

Vielleicht, dachte er, während er zwischen den Masten hindurchging, ist das genau das, was ich brauche.


Das Morgenlicht ließ das Wasser des Hafens wie flüssiges Silber glänzen, als Jonah seine Suche begann. Er hatte die Nacht in einer schmuddeligen Herberge verbracht, wo das Stroh nach fremden Gewürzen gerochen hatte und die Wände so dünn waren, dass er die Gespräche der anderen Gäste bis tief in die Nacht hatte verfolgen können.

Jetzt ging er systematisch von Schiff zu Schiff, den Reisesack über der Schulter, die wenigen Silberstücke sicher in seinem Gürtel verwahrt.

Das erste Schiff war ein ägyptisches Handelsschiff mit einem Kapitän, der ihn nur anstarrte, als er nach Passage fragte. Der Mann schüttelte den Kopf und winkte ihn fort, ohne ein Wort zu verlieren.

Das zweite war kleiner, mit nur vier Mann Besatzung. Der Kapitän hörte ihm geduldig zu, aber als Jonah zu verstehen gab, dass er nach Westen wollte, lachte der Mann und deutete in die entgegengesetzte Richtung. "Tyros", sagte er mehrmals und schüttelte den Kopf. "Tyros."

Der dritte Kapitän sprach ihn auf Aramäisch an, und Jonah verstand nur Bruchstücke. Etwas über Waren und Gewinn, aber nichts über Passagiere.

Die Sonne stieg höher, und Jonahs Hoffnung begann zu schwinden. Sprache war eine Mauer, die er nicht überwinden konnte. Wie sollte er ein Schiff finden, wenn er sich nicht verständigen konnte?

Dann sah er ihn: einen Mann mittleren Alters, der vor einem gut gepflegten Schiff mit zwei Masten stand und seine Mannschaft anwies. Er trug einen dunkelblauen Mantel und hatte die Autorität eines erfahrenen Seefahrers. Das Wichtigste aber war, dass er gerade zu einem seiner Leute sprach – und Jonah glaubte, ein paar hebräische Wörter zu verstehen.

Er näherte sich zögernd.

"Entschuldigung", sagte er auf Hebräisch.

Der Mann drehte sich um. Er hatte ein wettergegerbtes Gesicht mit intelligenten braunen Augen und einen sorgfältig gestutzten Bart. Sein Blick musterte Jonah von Kopf bis Fuß.

"Du bist kein Seemann", stellte er fest – auf Hebräisch, wenn auch mit starkem Akzent.

"Nein", gab Jonah zu. "Ich bin... ich suche Passage. Nach Westen."

Der Mann zog eine Augenbraue hoch. "Westen? Westen ist groß. Wo genau?"

Jonah holte tief Luft. "Wo ist das Ende der Welt?"

Ein langes Schweigen entstand. Der Kapitän starrte ihn an, als hätte er nicht recht gehört. Dann lachte er – nicht spöttisch, sondern erstaunt.

"Ende der Welt?" Er kratzte sich am Bart. "Tarsis vielleicht. Tarsis ist... sehr weit. Jenseits der Säulen des Herakles."

"Tarsis", wiederholte Jonah. Der Name klang fremd auf seiner Zunge, aber auch verheißungsvoll. "Fahrt Ihr nach Tarsis?"

"Ich bin Hiram aus Sidon", stellte sich der Kapitän vor. "Und ja, mein Schiff geht nach Tarsis. Aber warum will ein Landmann wie du ans Ende der Welt?"

Die Frage hing zwischen ihnen wie ein gespanntes Seil. Jonah spürte Hirams durchdringenden Blick und suchte nach Worten, die nicht zu viel verrieten.

"Ich... es ist eine lange Geschichte."

"Lange Geschichten erzählt man auf See", sagte Hiram trocken. "Aber erst brauche ich eine kurze Antwort. Vor was fliehst du?"

Vor Gott selbst, dachte Jonah, aber das konnte er unmöglich sagen. "Es ist... Familienangelegenheit", log er. "Schulden."

Hirams Augen verengten sich. "Schulden bei wem? Bei Menschen oder bei Göttern?"

Die Frage traf Jonah wie ein Schlag. Konnte dieser fremde Kapitän etwa in seinem Herzen lesen?

"Bei Menschen", sagte er hastig. "Nur bei Menschen."

Hiram betrachtete ihn noch einen langen Moment, dann zuckte er mit den Schultern. "Deine Angelegenheit. Aber Passage nach Tarsis ist teuer. Sehr teuer. Es ist gefährlich, und dauert Wochen."

"Wie viel?"

"Zehn Silberstücke."

Jonah schluckte. Das war fast alles, was er besaß. Aber was spielte Geld für eine Rolle, wenn er seiner Bestimmung entfliehen konnte?

"Fünf", versuchte er zu handeln.

Hiram lachte. "Fünf? Für Tarsis? Du denkst, mein Schiff ist ein Fischerboot? Acht. Weniger nicht."

"Sechs."

"Sieben. Und du hilfst bei der Arbeit an Deck."

Jonah zögerte. Sieben Silberstücke würden ihn fast mittellos machen. Aber was war die Alternative? Hierbleiben und warten, bis Gottes Stimme ihn wieder fand?

"Sieben", stimmte er zu.

"Gut." Hiram streckte ihm die Hand hin. "Wir fahren bei Sonnenaufgang. Sei pünktlich, oder wir fahren ohne dich."

Als sie sich die Hände schüttelten, spürte Jonah die Schwiele von Jahren auf dem Meer. Hirams Griff war fest, ehrlich.

"Noch etwas", fügte der Kapitän hinzu, seine Stimme plötzlich ernst. "Auf meinem Schiff gibt es Regeln. Du störst nicht die Arbeit, du störst nicht die Mannschaft, und du störst nicht die Götter der See. Verstanden?"

"Die Götter der See?" Jonah konnte seine Bestürzung nicht verbergen.

"Wir sind Seeleute", sagte Hiram ruhig. "Wir bitten alle Götter um sicheren Wind und ruhige See. Dagon, Poseidon, Jamm – sie alle haben Macht über das Wasser. Ein kluger Mann ehrt sie alle."

Jonah schwieg. Was sollte er sagen? Dass es nur einen Gott gab, den Gott Israels? Dass alle anderen Götter nur Stein und Holz waren? Das würde seine Passage nach Tarsis kosten.

"Verstanden", murmelte er schließlich.

"Gut." Hiram wandte sich ab, dann drehte er sich noch einmal um. "Wie heißt du eigentlich?"

Einen Moment lang zögerte Jonah. Sollte er einen falschen Namen geben? Aber was war der Sinn? In Tarsis würde ihn ohnehin niemand kennen.

"Jonah", sagte er. "Jonah ben Amittai."

"Willkommen an Bord, Jonah ben Amittai. Mögen die Götter uns gnädig sein."

Als Hiram davonging, blieb Jonah allein am Kai stehen und starrte auf das Schiff, das ihn in die Verbannung bringen würde. Ein seltsames Gefühl mischte sich in seinen Triumph – Erleichterung, aber auch etwas anderes. Unbehagen vielleicht. Oder Schuld.

Die Götter der See, dachte er. Was tue ich hier nur?

Aber es war zu spät für Zweifel. Der Handel war gemacht. Morgen bei Sonnenaufgang würde seine Flucht beginnen.


Mit nur noch drei Silberstücken in seinem Gürtel verließ Jonah den Hafen und tauchte in das Gewirr der Marktstraßen ein. Die Sonne stand bereits hoch, und die Händler priesen lautstark ihre Waren an. Er brauchte Proviant für die lange Reise und warme Kleidung für die kalten Nächte auf dem Meer.

Der erste Bäcker, den er fand, sprach glücklicherweise etwas Hebräisch. Jonah kaufte Fladenbrot und getrocknete Datteln – einfache Kost, die lange haltbar war. Der Mann wickelte alles in grobes Leinen und wollte ein halbes Silberstück dafür.

"Zu viel", protestierte Jonah auf Kanaanitisch.

Der Bäcker grinste und reduzierte den Preis um ein paar Kupfermünzen. Jonah bezahlte widerstrebend. In Gat-Hefer hätte er für dasselbe Geld doppelt so viel bekommen.

Als er den Laden verließ, stürzte sich ein ägyptischer Händler auf ihn wie ein Falke auf eine Maus.

"Herr! Herr!" rief er auf gebrochenem Hebräisch und gestikulierte wild. "Du brauchst Schutz! Schutz für große Reise!"

Ehe Jonah protestieren konnte, hatte der Mann ihm ein kleines Amulett vor die Nase gehalten – einen stilisierten Fisch aus blau-grünem Stein.

"Dagon!" verkündete der Händler stolz. "Gott der See! Beschützt vor Sturm, vor böse Geister, vor..." Er suchte nach Worten. "Vor Unglück auf Wasser!"

Jonah starrte das Amulett an, als wäre es eine Schlange. Ein Götze. Ein Abgott aus Stein, dem unwissende Menschen göttliche Macht zuschrieben.

"Nein", sagte er scharf und wich zurück.

Aber der Händler ließ nicht locker. "Sehr billig! Nur für dich! Und hier –" Er griff nach einem zweiten Amulett. "Astarte für Liebe und Schutz der Familie!"

Bei dem Namen Astarte durchfuhr Jonah ein kalter Schauer. Die Himmelskönigin, der abtrünnige Israeliten in den dunklen Tagen opferten. Er hatte Geschichten gehört von Tempeln, in denen unsägliche Dinge geschahen.

"Nein!" Seine Stimme war lauter geworden, und einige Passanten drehten sich um. "Ich brauche keine... solche Dinge."

Der Händler zuckte mit den Schultern, bereits desinteressiert. "Deine Entscheidung. Aber Meer ist gefährlich ohne Schutz."

Jonah drängte sich durch die Menge weiter. Sein Herz klopfte heftig. Was für ein Ort ist das, dachte er. Wo Götzendiener so offen ihre Abscheulichkeiten verkaufen?

Aber gleichzeitig nagte ein anderer Gedanke an ihm. Die Worte des Händlers hallten nach: Meer ist gefährlich ohne Schutz. Und Hirams Worte von heute Morgen: Ein kluger Mann ehrt sie alle.

Nein, ermahnte er sich. Der Gott Abrahams ist mächtiger als alle Dämonen der See.

Er fand einen Kleiderhändler, der warme Mäntel aus Schafwolle verkaufte. Auch hier versuchte man, ihn zu übervorteilen, aber Jonah hatte gelernt zu handeln. Für einen Mantel und eine wollene Decke gab er seine vorletzten Kupfermünzen aus.

Auf dem Weg zurück zur Herberge kam er an einem Gewürzhändler vorbei. Die Düfte, die aus den offenen Säcken aufstiegen, waren betörend – Zimt und Kardamom, Safran und andere Gewürze, deren Namen er nicht kannte. Ein älterer Mann mit freundlichen Augen bot ihm getrockneten Ingwer an.

"Gut gegen Seekrankheit", erklärte er auf erstaunlich gutem Hebräisch. "Du fährst zur See, nicht wahr? Ich sehe es an deiner Kleidung."

Jonah nickte und kostete ein kleines Stück. Der scharfe Geschmack ließ seine Augen tränen, aber der Händler lächelte.

"Mein Vater war Seefahrer", erzählte er, während er den Ingwer abwog. "Sagte immer: Meer ist wie Frau – schön, aber unberechenbar."

Für einen Moment entspannte sich Jonah. Hier war kein Götzendienst, nur menschliche Freundlichkeit.

"Woher kommt Ihr?" fragte er.

"Aus Memphis. Aber ich lebe schon lange hier." Der Händler wickelte den Ingwer ein. "Jaffa ist guter Ort für Händler. Viele Völker kommen hier zusammen."

Als Jonah bezahlen wollte, fiel sein Blick auf einen kleinen Gegenstand, der zwischen den Gewürzsäcken lag. Es war ein silberner Armreif, fein gearbeitet, mit einem Muster aus Weinranken. Er sah aus wie der Armreif, den Sara getragen hatte – der, den er zu Hause zurückgelassen hatte.

"Der ist schön", sagte er, ohne zu überlegen.

"Ägyptische Arbeit", erklärte der Händler stolz. "Für die Gemahlin?"

Jonah schluckte. Sara war tot. Drei Jahre tot. Und er war hier, tausend Meilen von ihrem Grab entfernt, auf der Flucht vor Gott selbst.

"Ich... nein. Ich bin nicht verheiratet."

Eine Lüge. Er war Witwer, aber das fühlte sich anders an als unverheiratet.

Der Händler musterte ihn mit weisen Augen. "Vergangene Liebe?"

Jonah nickte stumm.

"Dann behalt die Erinnerung hier", sagte der Mann sanft und tippte sich an die Brust. "Silber kann nicht ersetzen, was im Herzen lebt."

Die Worte trafen Jonah unerwartet. Er bezahlte hastig für den Ingwer und verließ den Stand. Erst als er schon um die Ecke war, merkte er, dass seine Augen feucht waren.

Was tue ich hier?, fragte er sich, während er durch die fremden Straßen ging. Sara wäre entsetzt. Ihr Mann flieht vor Gott, verhandelt mit Götzendienern, lügt fremde Seeleute an.

Aber es war zu spät für Gewissensbisse. Der Handel mit Hiram war besiegelt. Morgen würde er auf ein heidnisches Schiff steigen, umgeben von Männern, die zu fremden Göttern beteten.

Ich bin auf der Flucht, erinnerte er sich. Nicht im Urlaub.

Die Ironie war bitter. Er floh vor seinem Gott – aber überall um ihn herum waren andere Götter. Als ob es kein Entkommen gäbe, nur einen Wechsel der Herren.

Mit schweren Schritten kehrte er zur Herberge zurück. Morgen bei Sonnenaufgang würde sein altes Leben endgültig hinter ihm liegen.


Die Herberge war bereits voller Leben, als Jonah zurückkehrte. Händler und Seeleute saßen an niedrigen Tischen und aßen ihr Abendmahl – Fisch und Brot, dazu den schweren, süßen Wein der Küste. Der Raum war erfüllt von Stimmen in verschiedenen Sprachen, Lachen und dem Klirren von Tonkrügen.

Jonah fand einen Platz in einer Ecke und bestellte eine einfache Mahlzeit. Der gebratene Fisch schmeckte anders als die Süßwasserfische aus dem See Genezareth – salziger, mit einem Geschmack nach Meer und fernen Ländern. Er aß langsam und lauschte den Gesprächen um ihn herum.

Zwei phönizische Händler diskutierten die Preise für Purpur. Ein ägyptischer Seemann erzählte von einem Sturm vor Kreta, der beinahe sein Schiff verschlungen hätte. Ein alter Mann mit grauem Bart sprach von den Säulen des Herakles und den Ländern dahinter, wo die Sonne im Meer versank.

Morgen, dachte Jonah, werde ich Teil dieser Welt sein. Ein Wanderer zwischen fremden Völkern.

Der Gedanke erfüllte ihn mit einer seltsamen Mischung aus Angst und Vorfreude. Aber auch mit etwas anderem – einer wachsenden Einsamkeit, die schwerer wog als der Wein in seinem Becher.

Er dachte an Amittai, der jetzt wohl allein in ihrem Haus saß. An Sara, die niemals verstanden hätte, was er hier tat. An den Gott, vor dem er floh, und an Ninive, die Stadt, die er niemals sehen würde.

Habe ich das Richtige getan?

Der Zweifel nagte an ihm wie Hunger. Er trank noch einen Becher Wein, dann noch einen. Der süße, schwere Geschmack dämpfte seine Gedanken, machte die Stimmen um ihn herum weicher und ferner.

Als die meisten Gäste schon zu ihren Lagern gegangen waren, verließ Jonah die Herberge. Die nächtliche Luft war kühl und salzig, erfüllt von fernen Geräuschen – Musik aus einer Taverne, das Lachen von Frauen, das rhythmische Klatschen der Wellen gegen die Hafenmauern.

Er wanderte durch die schmalen Gassen, ohne Ziel, nur um der Enge des Herbergszimmers zu entfliehen. Bunte Laternen hingen vor einigen Häusern, und aus offenen Türen drangen Düfte von Räucherwerk und exotischen Speisen.

Jaffa bei Nacht war eine andere Welt – geheimnisvoller, verführerischer, gefährlicher.

"Du siehst einsam aus."

Die Stimme kam aus dem Schatten eines Hauseingangs. Jonah blieb stehen und sah eine Frau auf sich zukommen. Sie war jung, vielleicht in Saras Alter, mit dunklen Augen und Haut wie Honig. Ihr Gewand war aus feiner Seide, und um ihren Hals lag eine Kette aus kleinen Silbersternen.

"Ich... ich spreche kein Kanaanitisch", sagte er hastig auf Hebräisch.

Sie lächelte. "Ich spreche Hebräisch. Nicht viel, aber genug." Ihre Stimme war weich, mit einem Akzent, den er nicht einordnen konnte. "Du bist weit von Zuhause, ja?"

"Ja." Das Wort kam schwerer heraus, als er erwartet hatte.

"Ich auch." Sie trat näher, und er roch ihr Parfüm – Jasmin und etwas Süßeres. "Kommst du mit mir? Ich zeige dir, wie man die Einsamkeit vergisst."

Jonah starrte sie an. Er verstand, was sie anbot. In Gat-Hefer hätte er sich entsetzt abgewandt, sie vielleicht sogar beschimpft. Aber hier, in dieser fremden Stadt, weit weg von allem, was er kannte, fand er sich gefangen in ihrem Blick.

Sie war schön. Anders schön als Sara gewesen war – wo Sara Unschuld und Güte ausgestrahlt hatte, war diese Frau Feuer und Verlockung. Und er war so einsam, so müde von der Flucht und den Zweifeln.

"Wie heißt du?" fragte er, und seine Stimme klang fremd in seinen eigenen Ohren.

"Tamar", sagte sie und berührte leicht seinen Arm. "Und du?"

"Jonah."

"Jonah." Sie kostete seinen Namen wie süßen Wein. "Kommst du, Jonah?"

Für einen Moment schwankte er. Der Wein in seinem Kopf flüsterte ihm zu, dass er weit weg von zu Hause war, dass niemand es erfahren würde, dass er ein neues Leben begann. Aber dann sah er Saras Gesicht vor sich – nicht wie sie gestorben war, bleich und erschöpft, sondern wie sie gelebt hatte, lachend und liebevoll.

"Nein", sagte er, und seine Stimme zitterte. "Nein, ich... ich kann nicht."

Tamar zog ihre Hand zurück, aber sie schien nicht beleidigt. "Du liebst jemand anderen."

"Sie ist tot." Die Worte kamen heraus, ehe er sie aufhalten konnte.

"Dann ist sie vorbei." Tamars Stimme war sanft, aber bestimmt. "Du lebst noch."

"Nein." Jonah schüttelte den Kopf und wich zurück. "Es tut mir leid. Ich... ich kann ihr nicht untreu werden."

Tamar betrachtete ihn einen langen Moment, dann nickte sie. "Du bist ein guter Mann, Jonah. Sie hatte Glück."

Ohne ein weiteres Wort verschwand sie im Schatten der Gassen, und Jonah blieb allein zurück.

Aber die Begegnung hatte etwas in ihm aufgewühlt, das er nicht beruhigen konnte. Die Einsamkeit war noch schlimmer geworden, das Verlangen noch stärker. Er brauchte etwas, um die Gedanken zum Schweigen zu bringen.

Er fand eine Taverne, die noch geöffnet hatte. Der Raum war dunkel und verraucht, voller Seeleute und Händler, die ihre Sorgen im Wein ertränkten. Jonah setzte sich an einen kleinen Tisch in der Ecke und bestellte einen Krug des billigsten Weins.

Das erste Becher brannte in seiner Kehle. Das zweite war leichter. Beim dritten begannen die Geräusche um ihn herum zu verschwimmen.

Gott sieht mich hier nicht, dachte er dumpf. So weit weg, zwischen all den Heiden... er kann mich nicht sehen.

Aber selbst in seinem Rausch wusste er, dass das eine Lüge war. Gott sah alles. Sogar hier, sogar jetzt. Besonders jetzt.

Er trank weiter, bis die Welt um ihn herum verschwamm und die Stimmen in seinem Kopf verstummten. Als er schließlich zur Herberge zurücktaumelte, war die Nacht bereits weit fortgeschritten.

Er fiel auf sein Strohbett und schlief sofort ein, aber seine Träume waren unruhig. Sara war da, und Tamar, und eine dunkle Stimme, die seinen Namen rief. Und irgendwo in der Ferne sah er eine große Stadt mit gewaltigen Mauern, und er wusste, dass er niemals dorthin gehen würde.

Niemals.


Jonah erwachte mit einem Hämmern im Kopf, als hätte ihm jemand mit einem Stein gegen die Schläfe geschlagen. Das Stroh unter ihm war feucht von seinem Schweiß, und sein Mund schmeckte wie alter Leder.

Langsam setzte er sich auf und versuchte sich zu orientieren. Schwaches Morgenlicht fiel durch das kleine Fenster der Herbergskammer. Draußen hörte er bereits die ersten Geräusche des erwachenden Hafens – Rufe von Seeleuten, das Quietschen von Tauen, das rhythmische Plätschern der Wellen.

Die Erinnerungen der vergangenen Nacht kehrten bruchstückhaft zurück. Tamar. Ihr Gesicht im Lampenschein, ihre sanfte Stimme. Du bist ein guter Mann, Jonah. Dann die Taverne, der billige Wein, die dumpfen Gedanken eines Betrunkenen.

Scham wallte in ihm auf, heiß und bitter. Nicht wegen dem, was er getan hatte – sondern wegen dem, was er beinahe getan hätte. Und wegen dem, was er danach getan hatte.

Was wird aus mir?, fragte er sich, während er sich mühsam erhob. Erst fliehe ich vor Gott, dann lüge ich Seeleute an, und jetzt... Er konnte den Gedanken nicht zu Ende denken.

Das kalte Wasser aus dem Tonkrug half ein wenig gegen die Kopfschmerzen. Er wusch sich das Gesicht und die Hände, aber das Gefühl der Unreinheit ließ sich nicht so einfach abwaschen.

Seine wenigen Besitztümer waren schnell gepackt. Der warme Mantel, den er gestern gekauft hatte, das Brot und die Datteln, der getrocknete Ingwer gegen die Seekrankheit. Alles, was von seinem alten Leben übrig war, passte in einen einzigen Reisesack.

Als er die Herberge verließ, blinzelte er gegen das helle Morgenlicht. Jaffa erwachte zu einem neuen geschäftigen Tag. Händler öffneten ihre Läden, Karren rollten über das Pflaster, und aus den Bäckereien stieg der Duft von frischem Brot auf.

Für einen Moment überkam ihn eine seltsame Melancholie. Gestern war er noch ein Fremder gewesen, verloren in dieser chaotischen Stadt. Heute schon verließ er sie wieder, und er würde wohl nie zurückkehren.

Er dachte an Kenan, den hilfsbereiten Jungen. An den freundlichen Gewürzhändler aus Memphis. An Tamar, deren Gesicht er nie vergessen würde. Menschen, denen er begegnet war für einen Augenblick und die ihm kleine Stücke Menschlichkeit geschenkt hatten.

Vielleicht, dachte er, ist das das Einzige, was wirklich zählt. Diese kleinen Begegnungen, diese Momente der Güte.

Aber dann erinnerte er sich an seine Bestimmung, und die Melancholie wich der Entschlossenheit. Er war nicht hier, um zu philosophieren. Er war auf der Flucht.

Der Gang zum Hafen dauerte nicht lange. Seine Füße kannten den Weg bereits, und bald hörte er die vertrauten Geräusche des Hafenviertels. Als er Hirams Schiff erblickte, sah er, dass die Vorbereitungen zur Abfahrt bereits im Gang waren.

Die Mannschaft lud die letzten Vorräte an Bord – Wasserkrüge, Säcke mit Getreide, Fässer mit Salzfisch. Hiram stand am Bug und gab Anweisungen, seine Stimme klar und autoritär über den Hafenlärm hinweg.

Jonah blieb einen Moment stehen und betrachtete das Schiff, das ihn in sein Exil bringen würde. Es war größer, als er gedacht hatte, mit zwei Masten und einem Bug, der stolz über das Wasser ragte. An den Seiten hingen Schilde – nicht zur Dekoration, erkannte er, sondern zum Schutz. Das war ein Schiff, das auf gefährliche Fahrten ausgelegt war.

Nach Tarsis, dachte er. Ans Ende der Welt.

Hiram bemerkte ihn und winkte ihn herbei. "Pünktlich", stellte er fest mit einem anerkennenden Nicken. "Das ist gut. Seeleute schätzen Pünktlichkeit."

Jonah warf seinen Reisesack über die Schulter und ging an Bord. Das Deck schwankte leicht unter seinen Füßen – eine seltsame, aber nicht unangenehme Bewegung.

"Dein erster Mal auf einem Schiff?" fragte Hiram.

"Ja."

"Du wirst dich daran gewöhnen. Oder auch nicht." Hiram grinste. "Manche Landmenschen werden nie richtige Seeleute."

Jonah nickte stumm. Es spielte keine Rolle, ob er ein guter Seemann wurde. Er brauchte nur ein Schiff, das ihn weit weg brachte.

"Leg deine Sachen dort drüben hin", wies Hiram ihn an und deutete auf eine Ecke des Decks. "Und halt dich bereit zu helfen, wenn wir es brauchen."

Als Jonah seinen Sack abstellte, warf er einen letzten Blick auf das Land seiner Väter. Jaffa lag im Morgenlicht, geschäftig und lebendig. Dahinter erstreckten sich die Hügel, die zu seiner Heimat führten. Irgendwo dort, unsichtbar hinter den fernen Bergen, lag Gat-Hefer.

Ein Stich der Sehnsucht durchfuhr ihn. Amittai würde jetzt wohl die Ziegen melken und sich fragen, wo sein Vater war. Ob er je zurückkehren würde.

Vergib mir, dachte er und wusste nicht genau, an wen sich seine Bitte richtete. An Amittai, an Sara, an Gott – oder an sich selbst.

Dann wandte er sich ab und schaute aufs offene Meer hinaus. Seine Flucht konnte beginnen.


"Leinen los!"

Hirams Befehl hallte über das Deck, und sofort erwachte das Schiff zum Leben. Die Mannschaft bewegte sich mit der Präzision gut eingespielter Handwerker. Taue wurden gelöst, Segel gehisst, und der erste Mast knarrte unter der Spannung des Stoffes.

Jonah stand am Heck und beobachtete das Schauspiel. Die Seeleute arbeiteten schweigend, jeder kannte seine Aufgabe. Es waren sechs Mann, alle wettergegerbt und sehnig, mit Händen, die von Jahren harter Arbeit gezeichnet waren.

Der Steuermann war ein älterer Mann namens Reshef, dessen Bart bereits grau meliert war. Neben ihm stand ein jüngerer Seemann, kaum älter als Amittai, der die Ruder mit bewundernswerter Geschicklichkeit handhabte. Die anderen verteilten sich über das Deck, justierten Taue und prüften die Ladung.

"Du da!" Hiram winkte Jonah herbei. "Nimm das Tau und halt dich fest. Beim ersten Mal ist es immer ein Schock."

Jonah griff das dicke Seil und fragte sich, was Hiram meinte. Dann spürte er es – das Schiff begann sich zu bewegen.

Langsam, fast unmerklich zuerst, glitt das Schiff vom Kai weg. Das Wasser gurgelte um den Bug, und die Anlegestelle wurde kleiner. Jonah spürte, wie sein Magen sich verkrampfte – nicht aus Angst, sondern aus einer seltsamen Mischung aus Erregung und Unwirklichkeit.

Er fuhr wirklich zur See. Nach all den Jahren, in denen er die Geschichten der Wandernden gehört hatte, war er selbst zu einem von ihnen geworden.

Als das Segel sich vollständig mit Wind füllte, gewann das Schiff an Fahrt. Der Hafen von Jaffa wurde kleiner, die einzelnen Menschen am Kai verwandelten sich in winzige Punkte. Die Stadt, die ihn gestern noch so überwältigend groß erschienen war, schrumpfte zu einem braunen Fleck an der Küste.

Einer der Seeleute, ein Mann mit einer langen Narbe am Arm, trat an die Reling und warf etwas ins Wasser – ein kleines Stück Brot, wie Jonah sah.

"Für Jamm", erklärte der Mann und bekreuzte sich auf eine Art, die Jonah nicht verstand. "Damit er uns gnädig ist."

Ein anderer Seemann nickte zustimmend und murmelte etwas auf Phönizisch. Jonah sah, wie er ein kleines Amulett aus seinem Hemd zog und es kurz küsste, bevor er es wieder versteckte.

Heiden, dachte Jonah automatisch. Aber der Gedanke kam ohne die gewohnte Empörung. Diese Männer glaubten an ihre Götter genauso aufrichtig, wie er an den seinen glaubte. Und sie taten niemandem damit Schaden.

Oder doch? Die Frage überraschte ihn. In Gat-Hefer wäre die Antwort klar gewesen: Götzendiener waren Feinde Gottes. Aber hier, umgeben von ihrer ruhigen Professionalität, schien alles komplizierter.

Das Schiff gewann weiter an Fahrt. Der Wind war günstig, und Hiram wirkte zufrieden. "Guter Start", rief er Jonah zu. "Jamm lächelt uns zu."

Jonah nickte, obwohl der Name des heidnischen Meeresgottes ihn innerlich zusammenzucken ließ. Aber was sollte er sagen? Nein, nur der Gott Israels gibt uns günstigen Wind? Das würde seinen Mitfahrern schwer zu erklären sein.

Die Küste war jetzt nur noch eine dünne braune Linie am Horizont. Das Meer breitete sich in alle Richtungen aus – endlos, blau und mächtiger, als Jonah sich je vorgestellt hatte. Der Anblick war überwältigend und beruhigend zugleich.

"Wie weit ist es nach Tarsis?" fragte er Hiram.

"Bei gutem Wind? Vielleicht drei Wochen. Bei schlechtem..." Hiram zuckte mit den Schultern. "Länger."

Drei Wochen auf dem Meer. Drei Wochen zwischen Himmel und Wasser, weit weg von allem Vertrauten. Jonah spürte, wie sich etwas in seiner Brust löste – eine Anspannung, die er seit der Berufung mit sich herumgetragen hatte.

Hier, dachte er und atmete die salzige Meeresluft tief ein, hier bin ich sicher.

Die Vorstellung war berauschend. Keine göttlichen Stimmen, die ihn zu unmöglichen Aufgaben riefen. Keine Verantwortung für das Schicksal fremder Städte. Nur das Schiff, das Meer und die endlose Weite.

Das Land war jetzt völlig verschwunden. Israel lag hinter ihm, ein Land der Erinnerungen. Vor ihm lag nur das blaue Nichts des Meeres.

Jonah lehnte sich gegen die Reling und schloss die Augen. Die Sonne wärmte sein Gesicht, das Schiff schaukelte in einem beruhigenden Rhythmus, und zum ersten Mal seit Tagen fühlte er sich... frei.

Es ist vollbracht, dachte er. Ich bin entkommen.

Die Ironie, dass er diese Gedanken auf einem Schiff voller Männer hatte, die zu fremden Göttern beteten, entging ihm völlig. Ebenso wie die Tatsache, dass das Meer, das ihm endlose Weite zu versprechen schien, ihn in Wahrheit in einen schwimmenden Käfig einschloss.

Aber das würde er erst später erfahren.

Vorerst genoss er seine vermeintliche Freiheit und ließ sich von der falschen Sicherheit wiegen, während das Schiff ihn seinem Schicksal entgegentrug.

Der Wind blies stetig, die Segel blähten sich, und der Bug durchschnitt die Wellen mit der Gewissheit eines Geschosses, das sein Ziel niemals verfehlen würde.

Geschafft.