Kapitel 1 - Der Ruf
Die Mauern ragten endlos in den blutigen Himmel.
Jonah rannte, seine nackten Füsse fanden keinen Halt auf den glitschigen Steinen. Hinter ihm das Dröhnen von tausend Stimmen, ein Chor aus Schreien und Gelächter, der durch die Gassen hallte wie der Atem eines riesigen Untiers.
Komm zu uns, Jonah. Komm zu uns.
Die Stadt frass sich in alle Richtungen, verschlang den Horizont. Türme wuchsen aus ihrem Herzen wie verkrüppelte Finger, die nach den Sternen griffen – höher als der Turm zu Babel, höher als jeder menschliche Traum reichen durfte. Aus ihren Fenstern glühte oranges Licht, und mit dem Licht kam der Gestank: Blut und brennendes Fleisch, süsser Räucherduft von fremden Göttern.
Er stolperte, fing sich. Die Gasse teilte sich, wurde zu zwei Gassen, dann zu vier, dann zu einem Labyrinth ohne Ende. Seine Lungen brannten. Der Boden unter seinen Füssen war nicht mehr Stein, sondern etwas Weiches, Nachgiebiges. Etwas, das sich bewegte.
Komm zu uns, Prophet. Komm zu uns, Sohn Amittais.
Sie kannten seinen Namen. Sie kannten den Namen seines Vaters.
Jonah wirbelte herum, wollte zurücklaufen, aber die Gasse hinter ihm war verschwunden. Nur Mauer. Nur schwarzer Stein, der pulsierte wie lebendig, wie das Herz eines schlafenden Riesen. In der Mauer öffneten sich Augen – Dutzende, Hunderte von Augen, alle auf ihn gerichtet.
Die Stimmen kamen näher. Nicht mehr tausend, sondern eine einzige, gewaltige Stimme, die aus den Steinen selbst zu sprechen schien:
Wir warten auf dich, Jonah. Wir haben immer auf dich gewartet.
Er presste sich gegen die Mauer, aber sie war warm und feucht wie Haut. Die Augen blinzelten. In der Ferne läuteten Glocken oder Schreie – er konnte es nicht unterscheiden. Die Türme neigten sich zu ihm herab, warfen Schatten, die sich bewegten wie Schlangen.
Du kannst nicht fliehen, Jonah. Du gehörst zu uns.
„Nein!" Der Schrei zerriss seine Kehle. „Nein, ich gehöre nicht hierher! Ich bin nur ein—"
Die Mauer öffnete sich. Ein Maul. Ein gewaltiges, zahnbesetztes Maul, das nach ihm schnappte, und dahinter noch mehr Mäuler, eine endlose Reihe gieriger Schlünde, die ihn verschlingen wollten.
Er fiel.
Er fiel in die Dunkelheit zwischen den Zähnen, und die Stimme folgte ihm:
Ninive wartet.
Kikeriki!
Jonah schreckte hoch. Schweiss klebte an seiner Haut wie eine zweite Haut. Sein Herz hämmerte gegen die Rippen, als wollte es sich einen Weg nach draussen schlagen.
Draussen vor seinem Fenster krähte der Hahn von Nachbar Ephraim ein zweites Mal. Grauweisses Morgenlicht sickerte durch die Ritzen der Holzläden. Die vertrauten Schatten seiner Kammer nahmen langsam Gestalt an: der niedrige Tisch, der Wasserkrug, der schlichte Wandbehang, den Sara gewebt hatte...
Sara.
Jonah atmete tief durch. Nur ein Traum. Nur wieder einer dieser verfluchten Träume. Sie kamen jetzt seit Monaten, immer dieselbe grosse, böse Stadt, immer dieselben Stimmen. Die Trauer spielte ihm Streiche – das war alles. Die Trauer um Sara und kleine Miriam, die vor drei Jahren im Kindbett gestorben waren.
Draussen bewegte sich etwas im Hof. Amittai war schon wach, hörte er. Sein Sohn versorgte die Ziegen. Ein guter Junge. Ein starker junger Mann inzwischen.
Alles ist gut, sagte sich Jonah. Alles ist, wie es sein soll.
Aber seine Hände zitterten noch immer.
Jonah zwang sich, aufzustehen. Seine Füsse fanden die warmen Holzplanken, seine Finger tasteten nach dem vertrauten Wasserkrug. Das kühle Ton unter seinen Handflächen. Real. Fest. Wirklich.
Er benetzte sein Gesicht, spürte das Wasser an Schläfen und Wangen. Der Albtraum zerfloss wie Schatten im Morgenlicht. Hier war sein Zuhause: die niedrige Kammer mit dem Strohdach, der einfache Wandbehang mit den Trauben und Ölzweigen, den Sara in den letzten Monaten vor... vor ihrem Tod gewebt hatte. Hier roch es nach Olivenöl und getrocknetem Thymian, nach dem Leben, das er kannte.
Seine Finger glitten über den Wandbehang. Sara hatte so gerne gewebt, besonders an den langen Winterabenden, während Amittai als kleiner Junge zu ihren Füssen gespielt hatte. Der blaue Faden dort – sie hatte ihn extra von einem Händler aus Tyrus gekauft, obwohl das Geld knapp war. "Für die Schönheit", hatte sie gelacht. "Manchmal muss man für die Schönheit bezahlen." Wie lange war das her? Zehn Jahre? Zwölf?
Der Wasserkrug war fast leer. Heute würde er mit Amittai zum Brunnen gehen müssen. Noch eine dieser kleinen, vertrauten Aufgaben, die das Leben zusammenhielten wie Fäden in einem Teppich.
Sara. Ihr Name war ein stummer Schmerz in seiner Brust. Drei Jahre. Drei Jahre seit sie mit kleiner Miriam gegangen war, beide an einem einzigen, schrecklichen Tag. Manchmal glaubte er noch, ihre Stimme vom Hof zu hören, ihr leises Summen bei der Arbeit.
Vielleicht war das alles. Die Träume, diese verstörenden Bilder einer fremden, bösen Stadt – vielleicht war es nur die Trauer, die ihm Streiche spielte. Die Seele suchte sich seltsame Wege, mit Verlust umzugehen. Das hatte der alte Rabbi Micah nach der Beerdigung gesagt.
Draussen meckerte eine Ziege ungeduldig. Amittais Stimme antwortete, beruhigend und warm. Mein Sohn. Das Beste, was Sara ihm hinterlassen hatte. Der Grund, weiterzumachen.
Jonah griff nach seinem Gewand. Der Tag wartete. Die Olivenernte würde bald beginnen, und es gab viel zu tun. Normale, vertraute Arbeit. Keine Träume von fremden Städten und wahnsinnigen Stimmen.
Nur ein Traum, murmelte er und öffnete die Tür zu einem neuen Morgen.
Doch während er hinausging, blieb ein kleiner, kalter Stachel der Unruhe in seinem Herzen zurück.
"Die braune hat wieder Probleme mit dem Huf", sagte Amittai ohne aufzublicken. Er kniete zwischen den Ziegen und untersuchte das rechte Vorderbein des Tieres mit der Geduld, die Jonah so an Sara erinnerte. Dieselben sorgfältigen, sanften Bewegungen.
"Ich schaue es mir nachher an." Jonah trat zu seinem Sohn und legte ihm kurz die Hand auf die Schulter. Amittai war inzwischen grösser als er selbst, breitschultrig von der Feldarbeit, aber seine Berührung war noch immer zärtlich, wenn er mit den Tieren umging. "Hast du schon gefüttert?"
"Seit einer Stunde." Amittai erhob sich und wischte sich die Hände an seinem Gewand ab. "Vater, wir müssen über die Olivenbäume sprechen. Der grosse Baum am Hang – der, den Mutter so geliebt hat – seine Wurzeln liegen frei. Wenn wir ihn nicht stützen, verlieren wir ihn beim nächsten Sturm."
Saras Baum. Sie hatte dort immer gesessen, an heissen Nachmittagen, und Amittai Geschichten erzählt oder Kleider geflickt. Der Baum war alt, älter als Jonahs Grossvater, aber er trug noch immer die besten Früchte.
"Wir werden Steine holen", sagte Jonah. "Von dem alten Feld am Bach. Heute nachmittag."
Sie gingen zusammen zu den Olivenhainen. Die Bäume standen in ordentlichen Reihen, ihre silbergrünen Blätter schimmerten im frühen Licht. Hier hatte Jonahs Vater gearbeitet, und dessen Vater vor ihm. Hier würde Amittai arbeiten, wenn Gott es wollte, und vielleicht Amittais Söhne nach ihm. Eine friedliche Kette von Generationen, ungebrochen seit den Tagen König Davids.
"Die Früchte werden dieses Jahr gut", sagte Amittai und prüfte einen der Zweige. "Aber Nachbar Ephraim erzählt merkwürdige Geschichten. Von Soldaten, die durchs Jordantal ziehen. Fremde Soldaten mit eisernen Speeren."
Jonah erstarrte. "Assyrer?"
"Ephraim weiss es nicht genau. Aber die Leute reden. Sie sagen, König Jerobeam macht sich Sorgen. Die Garnisonen an der Nordgrenze wurden verstärkt."
Assyrer. Das Wort lag bitter auf Jonahs Zunge. Seit Generationen wuchs ihre Macht im Osten, verschlang Stadt um Stadt, Königreich um Königreich. Ihre Grausamkeit war legendär. Was würde geschehen, wenn sie je hierher kamen? Was würde aus Amittai werden?
"Gott wird Israel beschützen", sagte Jonah fest. "Er hat es immer getan."
Amittai nickte, aber sein Blick wanderte besorgt zu den fernen Bergen im Norden. Er war alt genug, um die Gefahren der Welt zu verstehen. Alt genug, um Fragen zu stellen, die Jonah nicht beantworten konnte.
Sie arbeiteten schweigend weiter, Vater und Sohn in der vertrauten Choreographie jahrelanger Zusammenarbeit. Jonah beobachtete Amittai beim Prüfen der Bäume, sah die Konzentration in seinem Gesicht, die Art, wie er den Kopf neigte – genau wie Sara. Stolz stieg in seiner Brust auf, vermischt mit einer tiefen, grundlosen Angst.
So soll es bleiben, dachte er. Einfach. Sicher. Hier in Gat-Hefer, unter diesen Bäumen, die unsere Väter gepflanzt haben.
"Ich gehe zu den hinteren Feldern", sagte Amittai schliesslich. "Der Zaun dort ist wieder eingerissen. Die Schafe von Nachbar Joschija kommen durch."
Jonah nickte. "Ich bleibe hier und presse die Oliven von gestern."
Er sah seinem Sohn nach, wie er den Hügel hinauf zu den entfernteren Feldern ging, den Stab in der Hand, die Schultern gerade. Ein guter junger Mann. Ein Segen.
Allein zwischen den alten Bäumen, fühlte Jonah zum ersten Mal seit dem Erwachen wieder Frieden. Hier war er zu Hause. Hier gehörte er hin. Was auch immer die Albträume bedeuteten – hier war er sicher.
Die Olivenpresse stand unter dem ältesten Baum des Hains, dort, wo schon Jonahs Grossvater gearbeitet hatte. Das schwere Mühlrad aus Basalt, die ausgetretenen Steinplatten, der vertraute Geruch frisch gepressten Öls – alles atmete Beständigkeit, Generationen von friedlicher Arbeit.
Jonah schüttete die gesammelten Früchte in die flache Steinschale und begann, das Rad zu drehen. Die rhythmische Bewegung beruhigte seine Gedanken. Schritt für Schritt, Kreis um Kreis. Seine Hände fanden von selbst den gewohnten Griff, seine Füsse den sicheren Stand. So hatte sein Vater es ihn gelehrt, und dessen Vater vor ihm.
Das goldene Öl sickerte langsam aus der Presse. Gut für Lampen, gut für das Kochen, gut zum Verkauf auf dem Markt in Gat-Hefer. Ein ehrliches Leben. Ein gutes Leben.
Ein Spatz zwitscherte über seinem Kopf. Dann noch einer. Das warme Summen einer Biene, die zwischen den Ölzweigen nach späten Blüten suchte. Die Welt war voller Leben, voller kleiner, vertrauter Geräusche.
Und dann verstummte alles.
Nicht allmählich. Von einem Herzschlag zum nächsten war da nur noch Stille. Die Spatzen schwiegen. Die Biene verschwand. Selbst der Wind, der eben noch leise durch die Blätter gerauscht hatte, legte sich, als hielte die Welt den Atem an.
Jonah hielt inne. Seine Hände umklammerten den Griff der Presse. Nur der Wind, sagte er sich. Nur eine Wetterwendung.
Aber die Luft über ihm begann zu flirren. Nicht wie Hitze über heissen Steinen – anders. Als ob der Himmel selbst sich bewegte, sich verdichtete, schwerer wurde. Ein unsichtbarer Druck senkte sich auf seine Schultern, kroch in seine Lungen, machte das Atmen schwer.
Nein. Jonah drehte das Mühlrad heftiger. Das Knirschen der Oliven unter dem Stein, das Quietschen der alten Achse – er konzentrierte sich auf diese Geräusche, klammerte sich an sie wie ein Ertrinkender an Treibholz. Das ist nicht real. Das ist nur...
Das Licht veränderte sich.
Nicht dunkler. Nicht heller. Aber anders. Als ob es von innen kam, aus den Dingen selbst heraus. Die Olivenblätter schimmerten wie Silber. Die Rinde des alten Baums glühte sanft. Das gepresste Öl in der Schale leuchtete wie flüssiges Gold.
Jonah liess die Presse los und taumelte rückwärts. Sein Rücken stiess gegen den Baumstamm. Das Holz unter seinen Handflächen pulsierte – nicht sichtbar, aber spürbar, wie ein langsamer, gewaltiger Herzschlag.
Lauf, flüsterte etwas in seinem Kopf. Lauf, solange du noch kannst.
Aber seine Füsse gehorchten nicht. Sie waren verwurzelt im Boden wie die Bäume um ihn herum. Seine Beine zitterten, aber sie trugen ihn nicht fort.
Und dann kam die Stimme.
Nicht gehört. Nicht mit den Ohren. Sie war einfach da, in seinem Kopf, in seinem Herzen, in seinem Blut. Gewaltig wie Donner, sanft wie Mutters Wiegenlied, alt wie die Steine der Erde und jung wie der erste Morgen.
JONAH.
Sein Name. Gesprochen von Lippen, die keine Luft brauchten. Gerufen von einer Stimme, die älter war als Zeit.
Jonah schrie auf und warf sich zu Boden. Seine Stirn berührte die Erde. Seine Hände verkrallten sich in den weichen Boden unter den Olivenbäumen. Nicht sehen, hämmerte es in seinem Kopf. Nicht hinschauen. Gott sehen heisst sterben.
Jonah, Sohn des Amittai.
Die Stimme kannte ihn. Kannte seinen Vater. Kannte alle seine Gedanken, alle seine Ängste, alle seine geheimen Träume.
"Ich... ich bin hier", stammelte er ins Gras hinein. Seine eigene Stimme klang fremd, zerbrechlich wie das Piepen einer jungen Maus.
Steh auf.
"Ich kann nicht... ich wage nicht..."
Steh auf und geh nach Ninive, der grossen Stadt.
Ninive.
Das Wort traf ihn wie ein Schlag in die Magengrube. Die Stadt aus seinen Träumen. Die böse Stadt mit den endlosen Mauern und den gierigen Stimmen. Die Stadt, die ihm zurief: Komm zu uns, Prophet.
"Nein." Das Wort kam von selbst, bevor er es zurückhalten konnte. "Nein, bitte nicht. Ich bin nur ein Bauer. Ich verstehe nichts von... von Prophezeiungen oder grossen Städten oder..."
Verkünde gegen Ninive, denn ihre Bosheit ist vor mich heraufgekommen.
Jonahs Finger gruben sich tiefer in die Erde. Sara, dachte er verzweifelt. Amittai. Mein Leben hier. Alles, was mir geblieben ist.
"Warum ich?" Die Frage brach aus ihm heraus wie Blut aus einer Wunde. "Warum nicht ein echter Prophet? Warum nicht jemand, der... der stark genug ist?"
Aber die Präsenz war schon dabei, sich zurückzuziehen. Der Druck liess nach. Das seltsame Licht verblasste. In der Ferne zwitscherte wieder ein Vogel.
Jonah lag still da, das Gesicht im Gras, und lauschte dem Hämmern seines eigenen Herzens. Seine Hände zitterten. Seine Knie waren weich wie Wasser.
Ninive. Die Stadt aus seinen Albträumen war real. Gott hatte ihn berufen, dorthin zu gehen. Ihn, Jonah Ben-Amittai, einen einfachen Olivenbauer aus Gat-Hefer.
Langsam, sehr langsam, hob er den Kopf. Die Welt sah aus wie immer. Die Olivenpresse stand da, halb vollendet. Das goldene Öl glänzte in der Steinschale. Der Spatz über ihm putzte seine Federn, als wäre nichts geschehen.
Aber alles hatte sich geändert. Alles.
Jonah stand auf wackligen Beinen auf und starrte nach Osten, dorthin, wo jenseits aller Berge und Wüsten die grosse, böse Stadt wartete.
Dann drehte er sich um und ging nach Westen.
Fünf Schritte. Zehn. Fünfzehn.
Dann brachen seine Knie ein.
Er fiel gegen den nächsten Olivenbaum, umklammerte den rauen Stamm mit beiden Händen. Seine Brust hob und senkte sich, als hätte er einen ganzen Tag gelaufen. Schweiss rann ihm in die Augen.
Was ist gerade passiert?
Die Frage bohrte sich in seinen Kopf wie ein glühender Pfeil. Er blinzelte, schaute zurück zur Olivenpresse. Da war nichts. Nur die halb gemahlenen Früchte, das goldene Öl in der Steinschale. Normale Dinge. Alltägliche Dinge.
War das... war das wirklich die Stimme des Allmächtigen gewesen? Des Gottes Abrahams, Isaaks und Jakobs? Des Herrn der Heerscharen?
"Nein", flüsterte er in die Baumrinde hinein. "Nein, das kann nicht... Ich bin niemand. Ich bin nur ein Bauer aus Gat-Hefer. Ich verstehe nichts von Prophezeiungen oder grossen Aufträgen oder..."
Ninive.
Der Name hämmerte in seinem Kopf wie ein Schmiedehammer auf dem Amboss. Die Stadt aus seinen Albträumen. Die böse Stadt mit den endlosen Mauern und den Türmen, die in den Himmel ragten wie die Finger toter Riesen.
Aber das waren nur Träume gewesen. Nur die Trauer, die ihm Streiche spielte. Das hatte er sich gesagt, hatte sich daran geklammert wie an einen rettenden Strohhalm.
"Du spielst mit mir", stammelte er. Seine Stimme klang fremd in der Stille. "Du gibst mir Träume, nimmst mir Sara und Miriam, und jetzt... jetzt das?"
Die Wut kam plötzlich, heiss und rot und ungezügelt. Drei Jahre hatte er sie unterdrückt, drei Jahre lang brav getrauert und geschwiegen und Gottes Willen akzeptiert. Aber jetzt brach sie aus ihm heraus wie Wasser aus einem geplatzten Damm.
"Warum?" Er schlug mit der Faust gegen den Baumstamm, spürte die Rinde seine Knöchel aufschürfen. "Warum ich? Warum nicht Amos aus Tekoa? Warum nicht Hosea? Warum nicht einen echten Propheten, der sich auskennt mit... mit solchen Dingen?"
Stille.
Er presste das Gesicht gegen die Baumrinde. "Ich bin müde", flüsterte er. "So müde. Sara ist tot. Miriam ist tot. Ich habe nur noch Amittai, und jetzt willst du mich auch noch wegschicken? Nach Ninive?"
Ninive. Die Stadt der Assyrer. Die Stadt der Krieger mit den eisernen Speeren, die Ephraim erwähnt hatte. Die Stadt der Grausamkeit und des Götzendienstes und aller Sünden, die zum Himmel schrien.
"Sie werden mich töten", sagte er leise. "Sie werden mich steinigen oder kreuzigen oder den wilden Tieren vorwerfen. Und dann ist Amittai ganz allein."
Der Gedanke an seinen Sohn stach ihm ins Herz. Amittai, der gerade volljährig geworden war. Amittai, der ihn mit Vertrauen und Liebe anblickte. Amittai, der schon zu viel Verlust in seinem jungen Leben ertragen hatte.
Nein.
Das Wort formte sich in seinem Kopf, hart und endgültig wie ein Stein.
Nein. Diesmal nicht. Ich gehe nicht.
Er richtete sich auf, lehnte sich gegen den Baum und starrte trotzig zum Himmel. "Du hast mir schon genug genommen", sagte er laut. "Diesmal sagst du nein zu mir, aber ich sage nein zu dir. Ich gehe nach Westen. Ans Meer. Dorthin, wo deine Stimme mich nicht erreichen kann."
Ein Spatz landete auf einem Ast über ihm und schaute ihn neugierig an. Ein kleiner, alltäglicher Vogel. Die Welt war wieder normal geworden.
Aber irgendwo, tief in seinem Herzen, spürte Jonah noch immer die Präsenz. Wartend. Geduldig. Unausweichlich.
Er stiess sich vom Baum ab und machte sich auf den Weg nach Hause. Er hatte eine Reise zu planen. Eine Reise nach Westen, ans Ende der bekannten Welt.
Er wusste, dass es zwecklos war. Natürlich wusste er das. "Wohin soll ich gehen vor deinem Geist, und wohin soll ich fliehen vor deinem Angesicht?" Die Worte des Psalmisten kannten er seit seiner Kindheit. Gott war überall. Gott sah alles.
Aber vielleicht... vielleicht würde der Allmächtige einen anderen finden, wenn er lange genug wegblieb. Einen besseren Mann. Einen echten Propheten. Und vielleicht - nur vielleicht - würde Gott verstehen, dass er schon genug verloren hatte. Dass er nicht auch noch Amittai verlassen konnte.
Es war ein verzweifelter Plan. Ein aussichtsloser Plan.
Aber es war sein Plan. Und zum ersten Mal seit drei Jahren fühlte er sich wieder als Herr über sein eigenes Leben.
—--
In der Kammer war es kühl und still. Zu still. Jonah lauschte unwillkürlich, ob nicht wieder diese furchtbare Stille kommen würde, die allem Leben den Atem raubte. Aber da waren nur die vertrauten Geräusche des Alltags: das Scharren der Ziegen im Hof, das Quietschen der Windmühle beim Nachbarn.
Seine Hände zitterten, als er den alten Reisesack aus der Truhe holte. Derselbe Sack, mit dem er als junger Mann zu den Märkten nach Jerusalem gereist war. Damals, als Sara noch lebte und die Welt voller Möglichkeiten war.
Was nehme ich mit, wenn ich vielleicht nie zurückkomme?
Wenig Kleidung - er war kein reicher Mann. Geld für die Überfahrt nach Tarsis - das meiste seiner Ersparnisse, aber Amittai würde den Hof haben. Proviant für die Reise nach Jaffa. Das Nötigste.
Seine Hand blieb über Saras kleinem Armreif hängen. Silber, mit eingravierten Trauben. Ein Hochzeitsgeschenk seiner Mutter. Sara hatte ihn jeden Tag getragen, bis... bis zum Ende.
Sollte er ihn mitnehmen? Als Erinnerung, als letztes Stück ihrer Liebe? Oder hier lassen für Amittai, damit der Sohn etwas von seiner Mutter hatte?
Was für ein Vater bin ich?, dachte er bitter. Ich laufe davon und lasse ihn mit allem allein.
Aber was war die Alternative? Nach Ninive gehen und wahrscheinlich sterben? Dann wäre Amittai auch allein - nur ohne Abschied, ohne Erklärung, ohne die Möglichkeit, den Hof zu übernehmen.
Zumindest so hatte sein Sohn eine Chance.
Jonah legte den Armreif zurück in die Truhe. Amittai sollte ihn haben.
Die Liste. Er musste eine Liste schreiben. Die Nachbarn, die helfen würden. Wo das Geld versteckt war. Welche Felder zuerst bearbeitet werden mussten. Praktische Dinge, die das Überleben sicherten.
Seine Hand führte die Rohrfeder über das Pergament, aber seine Gedanken rasten. Wie erkläre ich ihm das? 'Gott hat mich berufen'? Das wird er verstehen. Aber wohin? Darf ich ihm sagen, dass ich nach Westen fliehe statt nach Osten zu gehorchen?
Der Gedanke liess ihn innehalten. War er ein Feigling? Oder ein vernünftiger Mann, der erkannt hatte, dass manche Aufträge zu gross waren für einfache Menschen?
Du nennst Gott einen Lügner, flüsterte eine Stimme in seinem Kopf. Du sagst, er irrt sich in seiner Wahl.
"Ich sage, dass ich nicht der richtige Mann bin", murmelte Jonah und schrieb weiter. Seine eigene Stimme klang fremd in der Stille. "Ich sage, dass andere es besser können."
Was wenn Gott jetzt wieder sprach? Hier, in dieser Kammer, wo er sich gegen den göttlichen Willen auflehnte? Jonah spürte, wie seine Schultern sich verkrampften. Jeder Schatten, jede Veränderung des Lichts liess ihn zusammenfahren.
Aber da war nur Stille. Normale Stille.
Er versiegelte die Liste und legte sie auf den Tisch, wo Amittai sie finden würde. Daneben einen kleinen Beutel mit Gold - genug, um über die ersten Monate zu kommen.
Dann nahm er den Sack und trat zur Tür.
Draussen hörte er Schritte. Amittai kam vom hinteren Feld zurück.
Der schwere Abschied
"Vater?"
Amittais Stimme kam vom Hof. Jonah hörte das Klappern des Hofttors, dann die festen Schritte seines Sohnes. Einen Moment lang überlegte er, sich wieder ins Haus zurückzuziehen, den Sack zu verstecken, so zu tun, als wäre nichts geschehen.
Aber es war zu spät. Amittai stand bereits in der Tür.
Sein Blick wanderte von Jonahs Gesicht zum Reisesack in seinen Händen, dann zurück. Die Verwirrung in seinen dunklen Augen – Saras Augen – schnitt Jonah tiefer als jedes Messer.
"Du... gehst weg?"
Die Frage hing zwischen ihnen wie eine Klinge. Jonah öffnete den Mund, aber die Worte wollten nicht kommen. Wie erklärte man einem Sohn, dass man vor Gott floh? Wie sagte man, dass man vielleicht nie zurückkehren würde?
"Ich muss", brachte er schliesslich hervor. Seine Stimme klang rau. "Es ist... Gott hat..."
"Gott hat was?" Amittai trat näher. Kein kleiner Junge mehr, sondern ein Mann, grösser als sein Vater, mit den breiten Schultern eines Arbeiters. Aber in seinem Gesicht stand die Angst eines Kindes, das schon zu viel verloren hatte.
"Er hat mich berufen." Die halbe Wahrheit brannte auf Jonahs Zunge. "Ich muss eine Reise machen. Eine... wichtige Reise."
"Wohin?"
Nach Westen. Ans Meer. Weg von allem, was du liebst. "Das... das kann ich dir nicht sagen."
Amittai starrte ihn an. "Du kannst es mir nicht sagen? Vater, was ist los? Seit dem Morgen bist du... anders. Als hättest du einen Geist gesehen."
Ich habe Gott gehört, dachte Jonah. Und ich laufe davon wie ein Feigling. Aber das konnte er nicht sagen. Nicht seinem Sohn.
"Manchmal", sagte er stattdessen, "ruft Gott einen Mann an einen Ort, den er nicht verstehen kann. Manchmal muss man gehen, ohne zu wissen, warum."
"Wie Abraham?"
"Ja." Die Lüge schmeckte bitter. Abraham war gegangen, um zu gehorchen. Jonah ging, um zu fliehen. "Wie Abraham."
Amittai war still für einen langen Moment. Dann fragte er leise: "Kommst du zurück?"
Das war die Frage, die Jonah am meisten gefürchtet hatte. Er sah in die Augen seines Sohnes – vertrauensvoll, hoffnungsvoll, voller Liebe – und spürte, wie sein Herz zerbrach.
"Ich weiss es nicht", flüsterte er.
Er setzte den Sack ab und zog Amittai in seine Arme. Sein Sohn war grösser, stärker, aber für einen Moment war er wieder der kleine Junge, der nach Saras Tod geweint hatte. Jonah spürte die Wärme seines Körpers, roch den vertrauten Duft von Schweiss und Erde und Olivenöl.
"Die Liste auf dem Tisch", murmelte er in Amittais Schulter. "Alles, was du wissen musst. Nachbar Ephraim wird dir helfen, und Joel aus der Stadt. Das Geld ist unter dem losen Stein beim Brunnen versteckt."
"Vater..."
"Du bist ein guter Sohn." Jonah hielt ihn fester. "Du bist stark. Du kannst das schaffen."
"Aber ich will es nicht allein schaffen." Amittais Stimme brach. "Ich habe schon Mutter verloren. Und kleine Miriam. Ich kann nicht auch dich verlieren."
Die Worte trafen Jonah wie Peitschenhiebe. Wie konnte er das tun? Wie konnte er den einzigen Menschen, der ihm noch blieb, im Stich lassen?
Weil du zu schwach bist, nach Ninive zu gehen, flüsterte eine grausame Stimme in seinem Kopf. Weil du Angst hast zu sterben und ihn wirklich allein zu lassen.
"Ich komme zurück", sagte er plötzlich, die Worte formten sich von selbst. "Ich verspreche es dir. Ich komme zurück."
Er wusste nicht, ob es wahr war. Er wusste nicht, ob er es wahr machen konnte. Aber in diesem Moment, mit seinem Sohn in den Armen, war es alles, was er hatte.
Sie lösten sich voneinander. Amittais Augen waren feucht, aber er weinte nicht. Sara hatte ihm beigebracht, stark zu sein.
"Wann gehst du?"
"Jetzt." Jonah griff nach dem Sack. "Ich muss nach Jaffa, zum Hafen."
"Ich komme mit dir zur Strasse."
"Nein." Das Wort kam zu scharf, zu schnell. Jonah sah den Schmerz in Amittais Gesicht und zwang seine Stimme sanfter zu werden. "Nein, mein Sohn. Bleib hier. Sorge für die Tiere. Für das Land. Es ist jetzt dein Land."
Er legte seinem Sohn die Hand auf die Schulter, spürte die warme Haut unter dem groben Gewand. "Du bist kein Kind mehr. Du bist ein Mann. Handle als Mann."
Amittai nickte langsam. "Gehe in Frieden, Vater."
"Bleibe in Frieden, mein Sohn."
Jonah wandte sich um und ging. Jeder Schritt weg vom Haus, weg von Amittai, fühlte sich an, als würde er ein Stück seiner Seele zurücklassen. An der Biegung des Weges drehte er sich um.
Amittai stand noch immer da, eine schlanke Gestalt vor dem kleinen Haus. Er hob die Hand zum Gruss.
Jonah hob seine Hand zur Antwort. Dann wandte er sich nach Westen und ging, ohne noch einmal zurückzublicken.
Hinter ihm lag alles, was er liebte. Vor ihm lag das Unbekannte.
Und in seinem Herzen war nur noch Leere.