1 - An der Seite Yahwehs
Bruder Noah stand am Fenster seiner Zelle und betrachtete den Kreuzgang unter ihm. Seine Finger strichen gedankenverloren über die raue Steinbrüstung, während das vertraute Summen der Formenergie-Generatoren den Raum erfüllte. Wieder war es passiert. Vor wenigen Minuten erst hatte er einen dieser Glitches erlebt, diese merkwürdigen Momente, in denen die Wirklichkeit ihre Maske fallen liess.
Er drehte sich um und liess seinen Blick durch die Zelle schweifen. Alles sah aus wie immer: die jahrhundertealten Steinwände, die schlichte Holztruhe in der Ecke, der kleine Schreibtisch mit dem aufgeschlagenen Brevarium, das Kreuz an der Wand. Perfekt geformte Energie, programmiert, um die Illusion einer traditionellen Klosterzelle zu erschaffen.
Doch für drei, vier Sekunden hatte er wieder die Wahrheit gesehen. Die grauen Metallwände des Containers, der sich hinter all der projizierten Schönheit verbarg. Die kahle, funktionale Realität ihrer modernen Klausur. Selbst der Geruch hatte sich verändert – statt Weihrauch und alter Steine plötzlich nur noch der sterile Duft von recycelter Luft.
Noah strich mit der Hand über die nun wieder raue Steinwand. Die Formenergie reagierte perfekt auf seine Berührung, vermittelte genau den Widerstand und die Textur, die man von jahrhundertealtem Gemäuer erwartete. Eine perfekte Simulation. Zu perfekt vielleicht.
Diese Glitches häuften sich in letzter Zeit. Der Abt sprach von regulären Wartungsarbeiten, von notwendigen Systemanpassungen. „Die Formenergie muss kalibriert werden“, hatte er noch gestern beim virtuellen Kapitel erklärt. „Diese kurzen Aussetzer sind Teil des Prozesses.“
Aber Noah beschlich ein ungutes Gefühl. Warum ausgerechnet jetzt diese gehäuften Störungen? Und warum schienen sie in seiner Zelle öfter aufzutreten als bei den anderen Brüdern? Zumindest hatte keiner seiner Mitbrüder bei den täglichen Videogesprächen ähnliche Beobachtungen erwähnt.
Das Summen der Generatoren wurde für einen Moment lauter, dann verstummte es. Noah hielt den Atem an. Die Steinwand unter seinen Fingerspitzen begann zu flackern, wurde für einen Herzschlag lang zu kaltem Metall. Dann kehrte das Summen zurück, und mit ihm die vertraute Illusion.
Er zog seine Hand zurück und betrachtete sie nachdenklich. Irgendetwas stimmte nicht mit dem System. Und er würde herausfinden, was es war.
Noah lächelte bitter. Was war schon real? Die Steinwände, die er jetzt sah? Der Metallcontainer dahinter? Vielleicht war auch das nur eine weitere Schicht der Illusion. Wie die Geschichte von der Höhle, die der alte Platon erzählt hatte – Schatten an der Wand, die die Menschen für die Wirklichkeit hielten.
Die Formenergie machte diese philosophische Frage noch komplexer. Sie erschuf nicht nur Bilder, sondern eine vollständige, mit allen Sinnen erfahrbare Realität. Er konnte die Kälte des Steins spüren, den Geruch von altem Holz wahrnehmen, das Echo seiner Schritte hören. War diese erschaffene Wirklichkeit weniger real als eine „natürliche“? War nicht auch die physische Welt letztlich nur eine bestimmte Anordnung von Energie?
Noah ging zu seinem Gebetsschemel. Nicht der prachtvolle aus geschnitztem Holz, den die Formenergie vorgaukelte, auch nicht die kahle Metallplatte darunter – sondern einfach der Ort, an dem er seit Jahren betete. Der Ort selbst hatte Bedeutung, unabhängig von seiner äusseren Erscheinung.
Er kniete sich hin. Wenn die Welt um ihn herum so fluid war, so formbar wie die Energie, die sie erschuf, dann gab es nur einen Weg, Gewissheit zu finden: nach innen zu schauen. In der Stille der Meditation lag vielleicht eine tiefere Wahrheit als in allen äusseren Erscheinungen.
Noah faltete seine Hände, neigte seinen Kopf und sprach leise: „Yeshua, öffne mein Herz. Zeige mir den Weg zum Vater.“ Seine Worte waren kaum mehr als ein Flüstern, doch sie erfüllten sein ganzes Sein mit Erwartung.
Er richtete seinen Rücken auf, liess die Schultern entspannt sinken. Seine Hände ruhten nun offen auf seinen Knien, die Handflächen nach oben – eine uralte Geste der Hingabe. Das Summen der Formenergie-Generatoren verblasste allmählich in seiner Wahrnehmung, wurde zu einem fernen Rauschen.
Mit dem ersten bewussten Atemzug formte sich in seinem Geist: „Du in mir“. Die Worte schwangen mit seinem Einatmen, füllten seine Lungen, seinen ganzen Körper. Mit dem Ausatmen folgte: „Ich in Dir“. Ein Rhythmus begann, so natürlich wie der Herzschlag. Einatmen: „Du in mir“. Ausatmen: „Ich in Dir“. Immer und immer wieder
... Ich in Dir ... Du in mir ... Ich in Dir ... Du in mir ...
Doch dann tauchte ihr Gesicht auf. Sarah. Seine kleine Schwester, für immer sechzehn Jahre alt. Ihr Lächeln, strahlend wie ein Sommertag, dann verblassend wie ein vergilbtes Foto. Die Erinnerung an die Beerdigung schnürte ihm noch immer die Kehle zu.
„Willkommen, kleine Schwester“, flüsterte er in Gedanken. „Ja, ich vermisse dich auch.“ Er liess die Trauer da sein, betrachtete sie mit sanften Augen. Wie Wellen an einem Strand kam und ging der Schmerz, bis er sich allmählich in eine warme, dankbare Erinnerung verwandelte.
... Ich in Dir ... Du in mir ... Ich in Dir ... Du in mir ...
„Du Drückeberger! Die Stimme seines Vaters, schneidend wie eh und je. „Versteckst dich hinter Klostermauern, während das Familienunternehmen vor die Hunde geht!“ Noah’s Mundwinkel zuckten. Die alte Leier. Dreissig Milliarden, hundertausend Arbeitsplätze, die Verantwortung für das Erbe von fünf Generationen.
„Guten Tag, Papa“, dachte er amüsiert. „Noch immer derselbe temperamentvolle alte Mann.“ Er stellte sich vor, wie sein Vater mit hochrotem Kopf im Konferenzraum stand – ein Bild, das früher Angst in ihm ausgelöst hatte. Heute brachte es ihn zum Schmunzeln. Die zornige Stimme wurde leiser, verwandelte sich in ein fernes Grummeln.
... Ich in Dir ... Du in mir ... Ich in Dir ... Du in mir ...
„Bruder Noah meint wieder, die Regeln gelten nicht für ihn.“ Die säuerliche Stimme des Priors. „Sitzt in seiner Zelle und spielt den Mystiker, während andere die wahre Arbeit tun.“ Noah musste innerlich grinsen. Der Prior hatte nicht Unrecht – als verwöhnter Milliardärssohn hatte er sich anfangs schwergetan mit dem kargen Klosterleben. Aber das war lange her.
„Danke für Ihre Strenge, Hochwürden“, dachte er liebevoll. „Sie haben mir mehr beigebracht, als Sie ahnen.“ Er sah den Prior vor sich, wie er mit zusammengekniffenen Lippen durch die Gänge eilte, für ihn musste alles seine Ordnung haben. Regelverstösse und Unordnung waren seine persönliche Nemesis., die ihn nie in Ruhe liess. Das Bild löste sich auf in mitfühlendem Verstehen.
... Ich in Dir ... Du in mir ... Ich in Dir ... Du in mir ...
Eine tiefe Welle der Dankbarkeit durchströmte Noah. Wie blind er gewesen war, diese Widerstände als Hindernisse zu sehen. In Wahrheit waren sie Wegweiser gewesen. Die Trauer um Sarah hatte sein Herz geöffnet für das, was jenseits des Sichtbaren lag. Der Konflikt mit seinem Vater hatte ihm den Mut gegeben, seinem inneren Ruf zu folgen. Und die strengen Augen des Priors hatten ihn Demut gelehrt – eine Demut, die er jetzt als Tor zur Freiheit erkannte.
„Danke“, formte sich in seinem Herzen, ein Wort, das alle diese Erfahrungen umschloss. Die Gedanken und Erinnerungen wurden jetzt sanfter, wie Kinder, die sich nach einem aufregenden Tag zur Ruhe legen. Ein Gedanke kuschelte sich noch einmal kurz an ihn, murmelte etwas von Verantwortung und Familie, dann glitt auch er in den Schlaf. Ein anderer gähnte noch einmal, ein flüchtiges Bild von Sarahs Lächeln, bevor auch er verstummte.
... Ich in Dir ... Du in mir ... Ich in Dir ... Du in mir ...
Die Dankbarkeit selbst begann sich zu wandeln. Sie war nicht mehr ein Gefühl, das er hatte, sondern etwas, das durch ihn hindurchfloss. Dann löste auch sie sich auf, wie Morgennebel in der aufgehenden Sonne.
Was blieb, war reines Sein.
Kein Noah mehr, der meditierte.
Kein Atem, der kam und ging.
Keine Formenergie, die Welten erschuf und auflöste.
Nicht einmal mehr das Wissen um Einheit.
Nur SEIN.
Yahweh.
ICH BIN.
In dieser zeitlosen Gegenwart war die Frage nach real oder unreal bedeutungslos geworden. Container oder Klosterzelle, Form oder Leere – alles war einfach, was es war. Perfekt in seiner So-heit.
Noah war nicht mehr der Suchende.
Er war nicht mehr der Findende.
Er war nicht einmal mehr der, der sich in Yahweh auflöste.
Stille.
Präsenz.
Sein.